Ein Pferd taucht unter
"Prinzessin Wachtelei" im Weiten Theater
Sie fand das kleine Wesen weinend, fütterte es dick und rund und ritt auf ihm wie
auf einem Pferd. Nun ist es in den Fluss gesprungen und untergetaucht. Es ist eben ein
Flusspferd und gehört ins Wasser, das akzeptiert "Prinzessin Wachtelei mit dem
goldenen Herzen", auch wenn es sie ein bisschen schmerzt. Schließlich hatte sie
das Tier "in ihr Herz geschlossen".
Dieser Redewendung geben Irene Winter und Torsten Gesser vom DWT (Das Weite Theater) in
ihrem neuen Stück für Kinder ab vier Jahren ein schönes Bild auf farbenprächtiger
Bühne. Die Prinzessin, die immer auf einer Wiese am Fluss spielt, auf der man die
Regenwürmer husten hören kann, zieht ihr goldenes Herz wie ein Wägelchen
mit sich. Sie öffnet es gern, um allen ihre kleinen Schätze zu zeigen. Neben
einem Foto vom geliebten königlichen Vater holt sie eins von einem Hund hervor, der
nicht mehr bei ihr ist. Außerdem zeigt sie Dinge, die sie fand und behielt, weil sie
ihr gefallen.
"Mach sie wieder rein!" riefen kleine Premierenzuschauer, als sie alles hervorgeholt hatte
und das Herz wieder schloss. Das untergetauchte Flusspferd zurück zu holen, forderten
sie jedoch nicht. Zusammen mit der Prinzessin hatten sie das Loslassen geübt. Sie
fühlten wie sie, dass das dicke Tier im Wasser glücklicher leben kann.
Pädagogisch wirkungsvoll ist diese Geschichte von Albert Wendt. Sie ist ein Gewinn
für das Repertoire des kleinen Theaters. Dass die Prinzessin allerdings auch einen
Trommler ins Herz schließt, der sie immer ärgert, können die Kinder nicht
verstehen. Warum mag sie diesen Krachmacher vom anderen Flussufer? Er ist so anders als alles,
was sie kennt. Dieses Motiv zu vermitteln, bedarf es vielleicht noch einer darstellerischen
"Eselsbrücke".
Lucía Tirado, NEUES DEUTSCHLAND vom 24. Februar 2009
Es war einmal eine kleine Prinzessin. Diese weilte am liebsten auf einer schönen Wiese am Fluss. Am anderen Ufer sitzt zwar ein Trommler, der sie mit seiner Musik ärgert, doch ansonsten ist für sie die Welt wunderbar. Und das Beste ist, dass die Prinzessin ein goldenes Herz hat! Ein kleines dickes Tier taucht plötzlich auf und wird von der Königstochter sofort in ihr einzigartiges Herz geschlossen. Das geht eine Weile gut, dann verändert sich das Ein- und Umschlossene. Aus freudigem Spaß wird flüsternde Traurigkeit. Da gibt’s schließlich nur noch eine Lösung ... die sogar die verwöhnte Prinzessin den Trommler mit ganz anderen Augen sehen lässt.
Nach einer Story von Albert Wendt hat "Das Weite Theater" eine Geschichte von Lebensveränderungen auf seine ihm eigene, leise und phantasievolle Art inszeniert. Irene Winter erweckt eine "Prinzessin Wachtelei" zum Leben, die als Papas Liebling gewohnt ist, ihren Willen durchzusetzen. Dann jedoch wächst inmitten einer idyllisch aufgebauten Bühne nicht nur das freundlich-niedliche Tierchen heran, sondern auch das Weltverstehen der Königstochter.
Berührend, wie die Allein-Spielerin mit fragender Stimme, vor Verwunderung mit dem gesamten Körper rudernd den von den alten Griechen geprägten Ausspruch "Alles fließt" in eine verständliche, nachvollziehbare Handlung umsetzt.
In unserem Leben lassen wir manches zurück, das uns am Herzen liegt. Doch zugleich erkennen wir anderes, formen uns
aus etwas Fremdem eine neue Nähe. Vielleicht für immer, vielleicht auch nicht. "Prinzessin Wachtelei" erzählt
davon. Vom Besitzen und vom Loslassen.
eb