Durchgeknalltes Schiff der Illusionen
Eine Seefahrt, die ist lustig. Eine Seefahrt, die ist schön – dass dieser Singsang nicht mit 100-prozentiger Sicherheit zutrifft, weiß die Welt spätestens seit dem Untergang der "Titanic".

Die Crew des Weiten Theaters hat sich ihren eigenen Vers darauf gemacht und [...] "Titanic oder Der Hochmut des Lebens" auf die Bühne gebracht.
Steffen Süß hat einen Luxusliner installiert, der ein zügig turbulentes Agieren auf verschiedenen Ebenen erlaubt und den Akteuren Irene Winter, Torsten Gesser und Martin Karl in der bewährten Mixtur von Puppen- und Menschenspiel allerhand abverlangt.

Sprachakrobatik durch Figurenvielfalt inclusive (man könnte meinen, es stünden fünf oder sechs Schauspieler auf der Bühne). Das Schiff der Illusionen treibt volldampfig voran. [...] Situationskomik heizt dabei die Kessel an. Und man fragt sich: "Wohin geht denn eigentlich die Reise?"

Gerade, als man hilflos die Schultern zucken will, beginnt die von Regisseur Markus Joss eingezogene dramatische Doppelbödigkeit. Die Illusion platzt und gebiert eine unglaublich neue. Eine, die den Slogan der Postmoderne "Alles wird besser, aber nichts wird gut" erfüllt. Die Mannschaft reibt sich indes die Hände, wirft nicht mehr Brauchbares über Bord und kleidet das Seelenlose der Spaßgesellschaft für die nächste Illusion ein. Was bleibt, ist ein ganzes Stück Benommenheit. Denn, nach dem putzigen Klamauk kam der selbstlaufende tödliche Ernst.

Mit der "Titanic" hat das Weite Theater die Trilogie des Skurrilen nach "Der weiße Hammer" und "Bin im Keller" vollendet. Und wie wohl stets am Ende überwiegt dabei der Schwarze Humor.
Frank-Michael Beyer, Hellersdorfer Zeitung November 2002