Vor den finalen Feuerakrobaten zum Abschluss der 5. Langen Nacht der Freien Off-Theater in Potsdam
stand noch eine etwas abwegige Lesart zur uralten Medea-Mythe,
durch die Brille von Christa Wolf gefiltert. Recht irdisch also folgte man "der Aufklärung
eines Verbrechens, das sich ständig wiederholt", einer brillanten Melange aus Ernst und
Gestriesel, intelligenten Szenenlösungen (den Tod ihrer Kinder signalisieren zwei von einer
Tonschale zerquetschten Nüsse) und unerwarteten Breaks rund um den alten Sarkophag.
Das Frankfurter Theater des Lachens machte seinem Namen wirklich alle Ehre. Statt einer Himmelfahrt
aber zerfleischte Medea den Helden (Irene Winter, Björn Langhans) letztendlich beim Koitus mit
wahrlich eisernem Gebiss: "Ich esse dein Herz, Iason!" Ihr Kommentar danach war wie eine
öffentliche Ohrfeige: "Sie wollten doch das Monster!"
Potsdamer Neueste Nachrichten vom 18.5.2009 zur Langen Nacht der Off-Theater im Potsdamer T-Werk.
Temporeiche Suche nach der Wahrheit
Sie ist bekannt als jene, die ihre Kinder erschlägt, als ihr Mann sie für eine Jüngere
verlässt: Medea, Königstochter aus Kolches und Frau des Jason aus Jolkos. Fast alle Geschich-
ten,
die sich um sie ranken, sind blutig. Während sie in der Version des griechischen Tragödiendichters
Euripides als unbarmherzige Frau erscheint, die aus Eifersucht handelt, zeichnet Christa Wolf in ihrem Roman
"Medea, Stimmen" (1996) jedoch ein anderes Bild der Königstochter. An dieses lehnt sich auch das
Theater [...], das in seinem Stück "Medea, Auf den Spuren eines Verbrechens" der Frage nachgeht, wie
viel Wahrheit in dem griechischem Mythos steckt. Am Sonnabend feierte die Koproduktion mit dem Weiten Theater
Berlin ihre viel applaudierte Premiere.
Eine große Truhe wird auf der von Peter Koppatsch spartanisch ausgestatten Bühne dabei zum Zentrum
der Inszenierung. Den souverän agierenden Spielern Irene Winter und Björn Langhans dient sie nicht
nur als Tisch, Stuhl und Podium. Aus ihr lässt sich, umwabert von Bühnennebel, auch das Strandgut
der Geschichte ziehen – vom antiken Stullenbrett bis zum verlorenen Kleid der Medea.
Mit vielen Ideen und hohem Tempo geht es dann im ersten Teil durch den bekannten Mythos – sehr beeindruckend
zum Beispiel der Steckentanz mit dem König Pelias zur Strecke gebracht wird, oder Langhans`s
erotisch-anzüglicher Umgang mit einem Weinglas, der Jasons aufkeimende Liebe zu Glauke symbolisiert...
Stephanie Lubasch, MOZ Montag, 30.04.2007